Ganz normal

In unserer Gesellschaft ist das Thema Homosexualität spätestens mit der Ehe für alle durch. Aber es regt sich vereinzelt immer noch demonstrativer Widerstand, wie er sich etwa in einer Empfehlung zu einer “Kanzelerklärung” ausdrückt, die Ulrich Parzany, Vorsitzender des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, verfasst hat.

Dieser Beschluss (Ehe für alle, Anm. d. Redaktion) widerspricht dem biblischen Verständnis der Ehe, die nach Gottes Willen und Stiftung eine Verbindung zwischen Mann und Frau ist. Die Paarung zwischen Mann und Mann und Frau und Frau widerspricht dem Willen Gottes. Sie führt zum Ausschluss aus dem Reich Gottes, erklärt der Apostel Paulus (1.Korinther 6,9f).


Ich teile diese erzkonservative Auffassung – als heterosexueller Christ – überhaupt nicht. Dass Parzany meint, er wisse, was das “biblische” Verständnis der Ehe sei, grenzt für mich an Anmaßung. Ich dachte bisher immer, wir würden “alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern” sehen. Aber Bruder Parzany hat eins der Rätsel wohl gelöst. Mit der mehr als unglücklich (aber vermutlich bewusst) gewählten Formulierung “Paarung” (= der Vollzug des Aktes der Begattung bei Tieren) bezüglich der Sexualität Homosexueller disqualifiziert sich Ulrich Parzany selbst. Als ernstzunehmenden Diskutanten in der Frage “Homo und Christ” ist er für mich persönlich mit solch einem Statement ausgeschieden. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt kommt allerdings erst noch. Denn eines sollten sich homosexuelle (pardon: homosexuell empfindende und ihre Sexualität auslebende) Christen gefälligst hinter die Ohren schreiben: Wer so handelt, der wird aus dem Reich Gottes ausgeschlossen! Ausschluss in der dualistischen Jenseits-Vorstellungswelt parzanyischer Prägung kann ja dann wohl nur heißen … ja, genau!


Es tut mir leid, aber

hat nicht schon der zur nicht hinterfragbaren Untermauerung dieser unbarmherzigen Thesen von Parzany bemühte Paulus gesagt, dass die Liebe “alles erträgt” und “alles (er)duldet”?

Hat nicht schon Jesus nach dem Johannes-Evangelium gesagt, dass er “alle” zu sich ziehen wird?

Spricht nicht der 1. Timotheusbrief von unserer Hoffnung auf den lebendigen Gott, der “der Helfer und Retter aller Menschen – in besonderer Weise derer, die an ihn glauben” ist?

Und sagt der Philipperbrief nicht, dass Gott Jesus unvergleichlich hoch erhöht und  ihm “als Ehrentitel” den Namen gegeben hat, der bedeutender ist als jeder andere Name?
O-Ton:
Und weil Jesus diesen Namen trägt, werden sich einmal alle vor ihm auf die Knie werfen, alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind.

Alle werden anerkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, und werden damit Gott, dem Vater, die Ehre geben.


Also, wer bitteschön, soll denn nun ausgeschlossen werden? Werden sich die Knie homosexueller Christen etwa nicht beugen?

Nein, ich denke, eine aus meiner Sicht gesunde Sicht der Dinge entspricht dem, was z.B. Wunibald Müller (Dr. theol., Diplom-Psychologe und Psychotherapeut) in seinem kleinen, empfehlenswerten Büchlein “Größer als alles aber ist die Liebe – für einen ganzheitlichen Blick auf Homosexualität” geschrieben hat.

Ich gebe kurze Auszüge wider.


Eine solche Sichtweise, die vor allem den Menschen im Auge hat, nimmt ernst, was Papst Franziskus anmahnt: immer die Person anzuschauen. Diese Sicht trägt erheblich zu einer Normalisierung bei.

In den Augen der Christen und Gemeindemitglieder würde zählen, wie präsent, authentisch, überzeugend ein Seelsorger ist, was von ihm “rüberkommt” und nicht, ob er schwul oder heterosexuell ist. In einer Gemeinschaft ginge es vornehmlich darum, wie viel Zeit sich jemand für diese Gemeinschaft nimmt, wie viel er wirklich von sich einbringt, dass man sich hier wohl fühlt, es tatsächlich ein Zuhause ist und nicht, ob der Mitbruder homosexuell oder heterosexuell ist.

So ginge etwas Heilendes von einer Einstellung aus, die Homosexualität nicht länger als etwas Besonderes, sondern etwas Normales betrachtet.


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