Prof. Dr. Siegfried Zimmer: Aufbruch in eine Erneuerung des christlichen Glaubens – theologisch weder konservativ noch liberal

Einen Aufbruch in einer Erneuerung des christlichen Glaubens („theologisch weder konservativ noch liberal“) im Kontext des 21. Jahrhunderts präsentierte Worthaus-Referent Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 23. Juni 2017 um 19:30 Uhr in seinem Vortrag am 2. „bedingungs-los“-Tag im Bürgerhaus Gröbenzell.


Aufbruch in eine Erneuerung des christlichen Glaubens

Eine Perspektive voller Hoffnung

 A. Die Merkmale des Aufbruchs:

  1. konzentriert und gegründet auf Jesus Christus, dem Erfreulichsten und Glaubwürdigsten was Christen in religiöser Hinsicht kennen, weil er Gott den Menschen nahe bringt und sie auf einzigartige Weise für Gott gewinnen kann; mit Jesus Christus steht und fällt der christliche Glaube
  2. ausgerichtet auf Gott, dem Grund aller Wirklichkeit, dem faszinierenden Geheimnis des Lebens, dem großen Abenteuer des Daseins, dem Menschenfreund, weil er die Liebe ist
  3. orientiert an der Botschaft der Bibel als unerschöpfliche Quelle der Inspiration, gekennzeichnet durch neue und vertiefte Zugänge zu den Texten der Bibel, deren sorgfältige Interpretation unter Beachtung der damaligen und heutigen geschichtlichen Zusammenhänge
  4. einladend, verbindlich, nahe am heutigen Leben, voll erfrischender Neugier, vertrauend auf das Wirken des Heiligen Geistes und auf die Beziehung zu Gott im Gebet
  5. Bewunderung der Schöpfung, Freude an der Schöpfung, Verbundenheitsgefühl mit allen Geschöpfen Gottes, Verantwortung für die Schöpfung
  6. ernst nehmen des Bösen, keine Verharmlosung oder Unterschätzung der zerstörerischen Kraft des Bösen, dennoch keine Angst vor dem Bösen, sondern Zuversicht in Gottes Handeln, ernst nehmen des unschuldigen Leids, das uns sprachlos machen kann und angesichts dessen wir keine Antwort haben
  7. mit realistischem Blick für die Verstrickung des Menschen in Schuld bzw. Sünde und in die Entfremdung von Gott, Verantwortung des Menschen gegenüber Gott vor und nach dem Tod, Gottes Verzeihen als Basis der Zuversicht
  8. bereit zu gesellschaftspolitischer Mitverantwortung, der Barmherzigkeit verpflichtet und dem Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden
  9. besondere Verbundenheit mit dem jüdischen Glauben als unserer Wurzel, in fairem und freundlichem Kontakt und Dialog mit anderen Religionen, insbesondere auch mit dem Islam, engagiert im interreligiösen Lernen
  10. Wertschätzung von Bildung und Wissenschaft, Zusammenarbeit mit der Universitätstheologie, kritische Wahrnehmung derjenigen christlichen Gruppen, die – direkt oder indirekt – bildungsfeindliche Tendenzen haben und ein Schwarz-Weiß-Denken bzw. das Entstehen von Vorurteilen und Feindbildern begünstigen
  11. Würdigung der künstlerischen Dimension und des leiblichen Aspekts menschlichen Daseins, von Kreativität, Rhythmus, Tanz und Bewegung
  12. sowohl emotional und sinnlich, als auch mit denkerischer Qualität in der Freiheit des Denkens und Fragens
  13. Freude am Lernen, am Entwickeln der eigenen Persönlichkeit und am Überwinden von Vorurteilen und Feindbildern
  14. allgemeinverständliche Sprache, anschaulich und kurzweilig, keine akademische Fachsprache, keine kirchliche Insidersprache
  15. weltoffen statt altmodisch, mutig statt ängstlich, Weite statt Enge
  16. Betonung der befreienden Kraft des Glaubens: Befreiung des Gewissens aus gesetzlichen Zwängen, Befreiung zur Dankbarkeit und zum Tun des Guten

B. Theologische Position des Aufbruchs: Weder evangelikal noch liberal

Erster Leitsatz:
Das Wertvolle und Berechtigte im konservativen Denken verdient volle Anerkennung.

Zweiter Leitsatz:
Das Wertvolle und Berechtigte im liberalen Denken verdient volle Anerkennung.

Dritter Leitsatz:
Die Einseitigkeiten und Ausblendungen im konservativen Denken verdienen engagierte Kritik.

Vierter Leitsatz:
Die Einseitigkeiten und Ausblendungen im liberalen Denken verdienen engagierte Kritik.

Fünfter Leitsatz:
Den Reichtum und die Vielfalt des christlichen Glaubens kann man weder allein durch die konservative (evangelikale) Brille noch allein durch die liberale Brille angemessen erfassen. Deshalb ist es empfehlenswert, sich keiner dieser beiden Seiten pauschal anzuschließen und sich von keiner dieser beiden Seiten vereinnahmen zu lassen.

Sechster Leitsatz:
Wichtig ist die Gesprächsbereitschaft nach beiden Seiten: Brücken bauen ist besser als Gräben aufreißen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Christen zu fördern ist besser als zu polarisieren.

Anmerkung zu Teil B.:

Die polare Struktur von Teil B (weder evangelikal noch liberal) soll nicht überschätzt, aber auch nicht unterschätzt werden. In großen Bereichen der Christenheit spielt diese polare Struktur keine Rolle. Das gilt für große Teile der katholischen Kirche, vor allem aber auch für die orthodoxen und morgenländischen Kirchen. Innerhalb des westlichen Protestantismus (Europa und Nordamerika) spielt diese polare Spannung aber eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das gilt auch für die internationale Arbeit großer protestantischer Missionsgesellschaften.