Christ: Was sage, tue, behaupte ich?

Christ: Was sage, tue, behaupte ich?

In welche Kategorie ordne ich mich dadurch ein? Was postuliere ich? Was bekenne ich? Was nehme ich auf mich?

Sortiere ich mich mit dieser Aussage sogleich bei den „Guten“ ein? Bei den Nächsten- und Feindesliebhabern, deren strahlende Halleluja-Gesichter jeden ungefragt in den Arm nehmen und für ihre Sache begeistern wollen? Gespeist von außerirdischen Energiequellen wissen sie zu jeder Zeit das Richtige vom Falschen, das Gute vom Bösen, das Anständige vom Unanständigen zu trennen, wissen, dass Gehorsam und Gottesfurcht das Himmelreich öffnen, wohingegen Habsucht, Hochmut und Homosexualität der Gefahr ewiger Verdammnis Vorschub leisten.

Oder geselle ich mich eher zu den Bösen? Zu denen, die sich und ihre Gattung notorisch der Sünde bezichtigen, die alles Leibliche mit zwanghaftem Misstrauen beäugen und alles Menschliche in den Schatten eines Übermenschlichen stellen, nur um es sogleich degradieren und diffamieren zu können? Aber man sollte nicht klagen: Als Selbstschlechtmacher lebt es sich nicht schlecht. Als Selbstschlechtmacher genießt man die Gnade der Entlastung. Wer sich selbst mit Dreck bewirft, kann nicht mehr schmutzig werden. Wer konsequent den Fehler an sich sucht und für sich reklamiert, wird an und für sich fehlerfrei. Nichts legitimiert und glorifiziert die Rolle des Mahnenden und Warnenden und Tadelnden geschickter als gut eingeübte Selbstkritik.

Oder oute ich mich als einer der Naiven? Als einer von denen, die nicht wahrhaben wollen, dass 8 Milliarden Menschen 8 Milliarden Farbtöne erzeugen, von denen kein einziger in ein wie auch immer geartetes Schwarz-Weiß-Schema passt? Bin ich ganz generell vielleicht einer, der den Plural, die Vielzahl, die Differenz nicht erträgt, der die Komplexität, die Widersprüchlichkeit, das Chaos fürchtet und lieber den Kopf in den Sand jener Buchstaben steckt, die seit zweitausend Jahren als „Buch der Bücher“ die Welt erklären? Gewissheiten sind süß und machen stark und gesund. Sie machen aber auch ziemlich gewiss ziemlich schnell bequem. Und schon sitzt man ganz entspannt bei denjenigen, die auf jede Frage eine Antwort wissen, – und sei es auch nur jene so furchtbar öde, tausendmal repetierte, der zufolge es auf gewisse Fragen keine Antworten gäbe und sich Gott in letzter Konsequenz per definitionem jeder Erklärung entziehe.

Und reihe ich mich damit nicht auch bei den Auswendigaufsagern ein? Bei denen, die Sonntag für Sonntag dastehen, die Hände vor dem Bauch falten, den Kopf hängen lassen und das Glaubensbekenntnis vor sich hin murmeln?: Ich glaube an Gott, den Vater… „Wir müssen unseren Glauben nicht erfinden, sondern nur finden“, heißt es dazu von berufener Seite. „Wir finden ihn vor und wachsen hinein“, heißt es. Und schon bekennen wir uns, erwachsen und im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte, mit formelhaften Worten zu ziemlich seltsamen Dingen, die wir außerhalb jenes Rituals so höchstwahrscheinlich nie von uns gäben. Wobei weniger besagte „Dinge“ unseren „Glauben“ in ein schiefes Licht rücken als vielmehr der gut geölte Automatismus, mit dem wir ihn bekennen. „Hineingewachsen“ eben, nicht hineingedacht.

Oder bin ich, ganz im Gegenteil, plötzlich Teil einer Szene, in der bereits seit zweitausend Jahren mit voller Hilfe des Heiligen Geistes alle nur erdenklichen Haare gespalten werden? In der ohne Rücksicht auf Verluste fein säuberlich und säuerlich zwischen „Jungfrauengeburt“ und „unbefleckter Empfängnis“, zwischen „Transsubstantiation“ und „Konsubstantiation“, zwischen „geschaffener“ und „ungeschaffener Gnade“ unterschieden wird? In der mit selbst beweihräucherndem Pathos, mit viel spiritueller Emphase und noch mehr argumentativer Elastizität Bibel, Welt und Trinität über alle Grenzen des Erfahrbaren hinweg so lange syllogistisch bearbeitet werden, bis der Wald hinter kunstvoll exegierten Bäumen verschwunden ist.

Befinde ich mich deshalb womöglich in einer Welt, in der es letztendlich wenig Sinn hat, zu sagen, dass man Christ sei, weil man damit noch lange nicht gesagt hat, ob man Katholik oder Protestant, Baptist oder Adventist, Mennonit, Methodist oder Nazarener, Pfingstler, Quäker, Unitarier oder Angehöriger der Heilsarmee ist? Oder geht es darum gar nicht? Worum aber dann? Um die Wahrheit, die historisch-kritische Methode, den Ring des Nathan oder die Frage, wer oder was warum zu Deutschland gehört?

Wie naiv, wie zweidimensional, wie unspektakulär und gleichzeitig anmaßend klingt es, wenn ich am Ende all dieser hochherzig gestellten Fragen einzig anfügen kann, dass ich an eine personale, rückhaltlos menschenfreundliche Transzendenz und an das Prinzip des Guten im Menschen glaube? Und dass ich dafür keinen einzigen stichhaltigen Grund zu nennen weiß, sondern lediglich ein paar Krümel Hoffnung aus der Manteltasche kramen kann. Glaube ich also, weil es die letzte Option ist? – Gut möglich! Credo quia absurdum? Bin ich ein Verrückter?

st.

 

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